Wieviele wunderbare Songs haben „Rosenstolz“ eigentlich geschrieben, für die es sich lohnt, sie in einem Musical nochmals ganz groß rauskommen zu lassen? Und wieviele wunderbare Künstler finden sie in Berlin noch, die voller Hingabe jede Aufführung zu einem mitreißenden Erlebnis machen?
Nach „Romeo & Julia – Liebe ist alles“ (400.000 Zuschauer im Theater des Westens Berlin und als Tourproduktion vom 10. bis 22. November 2026 im Münchner Deutschen Theater – nicht verpassen!) folgte am 21. März 2026 der nächste Musical-Streich von Peter Plate und Ulf Leo Sommer, den Rosenstolz-Machern: „Wir sind am Leben“ . Premiere war in Berlin – natürlich genau dort, wo ein Stück über die Zeit nach dem Mauerfall wie selbstverständlich hingehört.

Wir sind am Leben – Musical von Plate und Sommer – Theater des Westens Berlin (©Foto: Joern Hartmann)
Was für aufregende Jahre in den 90ern waren das damals, vor allem für die junge Generation. Die Wessis nahmen den Ossis die Jobs und die Wohnungen weg. Mit Mauer war doch alles besser! Es blieb die Flucht vor den Problemen ins Nachtleben, mit seinen zuvor nicht gekannten Drogen- und Sex-Verlockungen (erste große Tanzszene zum Disco-Abräumer „Supernova-Discoslut“ mit Top-Choreografie von Jonathan Huor und Ohrwurm-Garantie). Das Leben in vollen Zügen auskosten – aber: die ungestüme Freude an der neuen Freiheit wird durch Aids getrübt.

Steffi Irmen als „Rosi“ Wir sind am Leben – Musical von Plate und Sommer – Theater des Westens Berlin (©Foto: Joern Hartmann)
Wie in den Plate/Sommer-Vorgängerstücken „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ hat mindestens eine Hauptfigur Ambitionen aufs Musik-Business, was reichlich Platz für Showstopper bietet. Bei „Wir sind am Leben“ ist es die rothaarige Nina (wunderbar: Celina dos Santos) aus dem piefigen Wittenberge, die sich nach der großen Stadt und viel Fame sehnt. Ninas Song „Kupferrot“ wird zum Wow-Auftritt: von oben herab schwebend, in sexy Korsage, mit roten Handschuhen, rotem Aids-Schleifchen-Tattoo – und oben wippt der Rotschopf.

Jörn-Felix Alt als „Bruno“: Wir sind am Leben – Musical von Plate und Sommer – Theater des Westens Berlin (©Foto: Joern Hartmann)
Auch Ninas Bruder Mario (toll besetzt mit Markus Spagl) hält es nicht länger in Wittenberge aus. Auch er will ins angesagte Berlin. Nicht mehr länger im „Salon Rosi“ arbeiten. Waschen, Tönen und Fönen. Mama Rosi muss sich damit abfinden, dass beide Kinder künftig im Westen leben wollen. Steffi Irmen, schon lange erklärter Publikumsliebling beweist als aufgedonnerte „Rosi“ wieder ihre unglaubliche Bühnenpräsenz. Komisch ist ihr Song „Salon Rosi“, wenn sie den alten Zeiten hinterher trauert, als sie noch Katarina Witt und Frau Honnecker frisieren durfte. Und heute? „Rennen sie alle zu Udo Walz. Wenn ich das seh, krieg ich so’n Hals“ – heißt es darin. Auftritte von Steffi Irmen haben es immer in sich, denn sie kann komisch und tragisch und verfügt über ein Stimmvolumen, das einen umhaut.

Celina dos Santos als „Nina“ (Wir sind am Leben – Musical von Plate und Sommer – Theater des Westens Berlin (©Foto: Dominic Ernst)
Dann ist Schluss mit lustig: Bruno hat‘s erwischt. Positiv. Zu viele Männer, zu viel Risiko. Und während die einen feiern, lebt Bruno (Jörn-Felix Alt) jeden Tag, als wäre es sein letzter. „Ich werd nicht weinen“ heißt sein Solo-Song, mit dem er sich trotzig mit seiner Situation abfindet – und bei dem so mancher Zuschauer einen Kloß im Hals-Moment hat.
Richtig glücklich ist Bruno aber, wenn er als „Die Dietrich“ durchs Nachtleben tanzen darf. Im Mega-Federmantel von Schauspielerin Judy Winter übrigens, den der TV-Star in ihrer eigenen Marlene-Hommage auf der Bühne getragen hat. Darstellerisch und stimmlich spielt Jörn-Felix Alt hier in der Musical-Champions-League.
Fürs Finale hat sich Choreograph Jonathan Huor ein Schmankerl ausgedacht: Gleich zwei Zugaben gibt’s – beide durchchoreographiert und alle Darsteller geben nach der Show noch einmal alles, um das Publikum von den Sitzen zu reißen. Falsch – die Zuschauer hatten sich sowieso schon längst zu Standing ovations erhoben und tanzen mit. Was für ein Abend in der Hauptstadt!
Gaby Hildenbrandt
Wir sind am Leben
Das Berlin-Musical
Musik, Idee und Texte: Peter Plate Ulf Leo Sommer & Joshua Lange
Buch & Regie: Franziska Kuropka, Lukas Nimscheck
Bühnenbild: Adam Nee
Lichtdesign: Tim Deiling
Live-Band „Die Konsum Hoffnung Band“ – Leitung: Shay Cohen
Theater des Westens
Kantstr. 12, gleich um die Ecke vom Berliner Ku’Damm
Noch bis April 2027
Tickets ab 53 Euro

