Großer Bahnhof für die reichste Frau der Welt, Claire Zachanassian. Einst als Klara im Städtchen Güllen geboren kehrt sie als Milliardärin nach vielen Jahren zurück. Die Bewohner der hoch verschuldeten Kleinstadt hoffen auf eine dicke Finanzspritze, wollen endlich raus aus der Armseligkeit. Wer sich jetzt an seine Deutschstunde mit der Lektüre von Friedrich Dürrenmatts  „Der Besuch der alten Dame“ erinnert, weiß, dass die reiche Claire ganz andere Absichten hatte…

Als Theaterstück ein Welterfolg und mehrfach verfilmt, gibt es außerdem eine Oper aus dem Jahr 1971: Gottfried von Einem war fasziniert von der Geschichte und dank seiner Hartnäckigkeit gelang es ihm, vom Autor das Einverständnis für eine Komposition zu bekommen. Dürrenmatt bestand allerdings darauf, das Libretto selbst zu verfassen. So kam es zu gesungener Weltliteratur, ein Riesenerfolg war die Uraufführung an der Wiener Staatsoper. Chor und Solisten singen deshalb für eine Opernaufführung höchst ungewöhnliche Textzeilen. Oder haben Sie schon mal die Worte „Arbeitslosenunterstützung“, „Suppenanstalt“ und „Schnellzug Rasender Roland“ mit großem Orchester gehört?

Premiere "Der Besuch der alten Dame" - Staatstheater am Gärtnerplatz - Foto: Markus Tordik

Premiere „Der Besuch der alten Dame“ – Staatstheater am Gärtnerplatz – Foto: Markus Tordik

In der Fassung von 2026 bringt Regisseur Nikolaus Habjan seine Interpretation der Geschichte von Rache, Moral, Liebe und Verrat auf die Gärtnerplatzbühne: Claire, die reiche alte Dame, behangen mit Schmuck, im extravaganten Leo-Outfit, begleitet von einer eigenwilligen Entourage, wird diesmal von einer lebensgroßen Puppe dargestellt. Eine sog. Klappmaulpuppe, wie sie z.B. auch Sascha Grammel mit seinem „Zoo“ verwendet. Wenn Claire, die Puppe, den Mund öffnet, ist Mezzosopran Sophie Rennert zu hören, immer nah am Claire-Double, optisch die junge Klara von damals und dadurch ein spannender Kontrast zur Vergangenheit.

Claires unmoralisches Angebot an die Einwohner von Güllen lautet: „Eine Milliarde für Euch – wenn Ihr Alfred Ill tötet“. Was für ein teuflischer Plan – war jener Alfred seinerzeit Klaras große Liebe. Er liess sie sitzen, als sie schwanger wurde. Nun kehrt Claire zurück und spielt die Macht ihres Geldes aus: „Ich will nach über 40 Jahren Gerechtigkeit. Man kann alles kaufen.“

Premiere "Der Besuch der alten Dame" - Staatstheater am Gärtnerplatz - Foto: Markus Tordik

Premiere „Der Besuch der alten Dame“ – Staatstheater am Gärtnerplatz – Foto: Markus Tordik

Bei der Inszenierung zitiert Habjan aus der ersten Verfilmung des Stücks (Regie: Fritz Lang, 1959): Die Sänfte, auf der sich die reiche Lady tragen lässt. Die Güllner Bewohner als „Bäumchen im Konradsweiler Wald“ verkleidet. Das Bühnenbild (Heike Vollmer) zeigt triste Häuserzeilen. Mausgrau und abgetragen auch die Kostüme der Bewohner. Ab der zweiten Hälfte verändert sich die Kleiderfarbe von Grau zu Rot. Je länger die Güllener sich mit dem zu erwartenden Goldregen beschäftigen (auch, wenn daran eine ungeheuerliche Bedingung geknüpft ist) und sich schon mal neue Klamotten, teuren Champagner und ein neues Auto leisten, umso mehr dominieren Rottöne (Kostüme: Bernhard Stegbauer).

Hochkomplex ist das Zusammenspiel von Orchester (Leitung: Michael Balke), dem Chor (Einstudierung: Pietro Numico) und den Solisten – Glanzleistungen besonders von Sophie Rennert, Ludwig Mittelhammer als Alfred Ill und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als „Bürgermeister“, ein echter Wendehals.

Zum Finale trägt jeder Rot, denn alle lassen sich vom Geld blenden und akzeptieren den Deal mit der alten Dame. So bleibt für den toten Alfred am Ende nur eine Person, die um ihn weint: Clara, seine Jugendliebe.

Premiere "Der Besuch der alten Dame" - Staatstheater am Gärtnerplatz - Foto: Markus Tordik

Premiere „Der Besuch der alten Dame“ – Staatstheater am Gärtnerplatz – Foto: Markus Tordik

 

Donnernder Premierenapplaus nach zweieinhalb Stunden für einen Opernabend der anderen Art für das große Ensemble, inklusive der Puppenspieler Manuela Linshalm und Angelo Konzett.

Gaby Hildenbrandt

 

Der Besuch der alten Dame

Oper in drei Akten

Musik:  Gottfried von Einem

Libretto: Friedrich Dürrenmatt

Nach seinem gleichnamigen Theaterstück

 

Regie: Nikolaus Habjan

Staging und szenische Mitarbeit: Ricarda Regina Ludigkeit

Licht: Paul Grilj

Dramaturgie: Karin Bohnert

 

Nächste Termine: 8. und 23. Juli, 6., 11., 15. und 19. Dezember 2026

Tickets und Infos: www.gaertnerplatztheater.de

Schlussapplaus Premiere "Der Besuch der alten Dame" - Staatstheater am Gärtnerplatz - Foto: Gaby Hildenbrandt

Schlussapplaus Premiere „Der Besuch der alten Dame“ – Staatstheater am Gärtnerplatz – Foto: Gaby Hildenbrandt

Fotos: Bühnenszenen Markus Tordik, Schlussapplaus Gaby Hildenbrandt