Spätestens seit der Mailänder Modemesse 2026 beschreiben alle großen Magazine einen neuen Magertrend. Der „Heroin chic“ der 90er Jahre feiert ein Comeback. Wir sprechen mit PD Dr. Thorsten Siegmund und seiner Kollegin Dr. Alexandra Schoeneich vom Hormonzentrum München, denn viele Celebritys in den USA aber auch hierzulande schwören mittlerweile auf die Abnehmspritze, um diesem neuen/alten Schönheitsideal zu entsprechen.

Dr. Siegmund und Dr. Schoeneich: Wie stehen Sie als Experten zu Ozempic, Wegovy und Co.?

PD Dr. Thorsten Siegmund:
Medikamente enthalten Semaglutid oder Tirzepatid. Die Wirkstoffe sind als hochwirksamer GLP-1-Rezeptoragonisten mittlerweile bei der Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas sehr bewährt. Man kann sogar sagen, dass diese Wirkstoffe eine Zeitenwende in der Behandlung dieser beiden chronischen Krankheiten beschreiben. Aus unserem Praxisalltag sind sie nicht mehr wegzudenken.

ConDr. Alexandra Schoeneich:

Ja, vor allem weil sehr füllige Menschen, die öffentlich schnell als willensschwach abgestempelt werden, mit einem Mal eine Chance auf ein Normalgewicht erhalten. Viele erleben zum ersten Mal, dass sie Treppen steigen können ohne völlig außer Atem zu sein oder dass chronische Gelenkschmerzen mit den schmelzenden Pfunden verschwinden. Im wahrsten Sinne des Wortes eine große Erleichterung!

Können Sie das etwas konkretisieren?

TS: Meine Wahrnehmung ist, dass für viele Betroffene die Behandlung wie eine Erlösung von jahrelangem Leiden ist. Manche unserer Patienten hadern seit ihrer Kindheit mit überschüssigen Pfunden, wieder andere nehmen erst ab dem 40. bzw. 50. Lebensjahr unerklärlich zu.

AS: Viele Übergewichtige leben ihr Leben außerdem voller Scham, denn sie ziehen allein durch ihre nicht normgerechten Körper überall die Blicke auf sich. Oft ziehen sie sich deshalb zurück, sind einsam und stehen am Rande der Gesellschaft. Starkes Übergewicht und Adipositas haben aber häufig nichts mit mangelnder Disziplin zu tun. Adipositas war mittlerweile auch als Krankheit akzeptiert, in Deutschland wird das Medikament nur bei Diabetes, aber noch immer nicht zur Gewichtsabnahme von den Kassen bezahlt.

Wie bewerten Sie beide die neuesten Entwicklungen und die Bilder der letzten Modeschauen – steuert unsere Überflussgesellschaft also dank medizinischer Intervention auf eine neue Magerkeit zu? Wird es bald keine Dicken mehr geben?

AS: Mittlerweile ist es kein Expertenwissen mehr, dass Übergewicht krank macht: Übergewicht begünstigt einen ganzen Strauß an weiteren Erkrankungen: von Arteriosklerose über Diabetes, Hypertonie bis Schlaganfall. Grundsätzlich wäre es also wünschenswert, wenn es künftig immer weniger Menschen mit Gewichtsproblemen gäbe.

TS: Wir beide sind dennoch ganz entschieden der Meinung, dass jede Behandlung mit diesen Wirkstoffen unbedingt regelmäßig medizinisch betreut sein sollte. Das sind hochwirksame Medikamente, die in Stoffwechselvorgänge eingreifen, so dass in bestimmten Abständen unbedingt spezifische Kontrollen erfolgen sollten. Nur wer langfristig medizinisch hierzu betreut ist, kann auf Dauer sein Gewichtsproblem lösen. Es bedarf im Verlauf häufig Anpassungen der medikamentösen Therapie, das kann nur ein erfahrener Arzt gut lösen.

AS: Unsere GLP1-Patienten erhalten bei uns deshalb auch eine individuelle Ernährungsberatung und ganz konkrete Anleitungen zu vielen kleinen Schritten einer Lebensstilumstellung: Nur so profitieren sie auch langfristig vom Gewichtsverlust.

PD Dr. Thorsten Siegmund und Dr. Alexandra Schoeneich (©Foto: Hormonzentrum München, FRANK PREKRATIC)
PD Dr. Thorsten Siegmund und Dr. Alexandra Schoeneich (©Foto: Hormonzentrum München, FRANK PREKRATIC)

Zur Frage oben zurück: Kommt Ihrer Meinung nach „die neue Magerkeit“ schon bald in der breiten Gesellschaft an?

TS: Das lässt sich im Moment schwer vorhersagen. Wenn die Behandlung aber langfristig nicht zur Kassenleistung auch bei beginnendem Übergewicht wird, werden wir bald am Körperumfang ablesen können, wie gut situiert jemand ist. Das würde zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft führen und kann nicht gewollt sein.

AS: Eine so wichtige und vor allem im Hinblick auf viele Folgeerkrankungen gesundheitsfördernde Behandlung sollte wirklich möglichst allen offenstehen.

TS: Die sogenannte Abnehmspritze wirkt ja längst auch kulturell: In den USA kann man in vielen Restaurants schon an den geringeren Appetit angepasste „Ozempic-Menüs“ bestellen – und das im Land von all you can eat! Die Magermodels oder einzelne Schauspielerinnen treiben einen solchen Trend also lediglich auf die Spitze.

Das ist sicher eine Begleiterscheinung, die niemand auf dem Schirm hatte. Man liest aber immer wieder auch von weiteren Effekten der Behandlung wie reduziertem Suchtverhalten. Wie ordnen Sie diese ein?

AS: Aus Sicht von uns Medizinern ist jede nicht gerauchte Zigarette oder eine Reduktion der Alkoholmenge begrüßenswert. Aber es gibt noch weitere Aspekte. Ganz praktisch: Wer mit der Abnehmspritze seinen Appetit zügelt, isst weniger und verliert in den allermeisten Fällen an Gewicht. Das ist ja gewollt und beabsichtigt. Die allerwenigsten Menschen denken aber darüber nach, dass es dadurch noch wichtiger wird, was man zu sich nimmt. Eine ausreichende Zufuhr an Vitaminen und Spurenelementen sollte auf alle Fälle gewährleistet sein. Die Medizin wird also künftig wieder mehr mit Fällen zu tun haben, die die klassischen Symptome einer Mangelernährung zeigen – mit brüchigen Haaren und Nägeln, Haarausfall und schlechter Haut.

TS: Da im menschlichen Körper alles mit allem zusammenhängt, kann ein Gewichtsverlust auch Einfluss auf das hormonelle Gleichgewicht haben. Schlafstörungen oder Unausgeglichenheit können ebenso Folge sein wie ein steigendes Osteoporose-Risiko. Deshalb ist es aus meiner Sicht so wichtig, dass Endokrinologen die Behandlung betreuen. Nur durch regelmäßige Kontrollen kann gewährleistet werden, dass man nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreibt!

Übergewicht sammelt sich meist über sehr lange Zeit an – ein kontrollierter, langsamer und vor allem nachhaltiger Gewichtsverlust mit grundlegender Lebensstilkorrektur ist deshalb dem schnellen Abnehm-Rekord immer vorzuziehen.

Welche Vorteile bringt das langsamere Abnehmen mit sich?

AS: Ich als Frau kann nur sagen, dass ich das „Ozempic Face“, wie es viele Prominente derzeit zur Schau stellen, nicht schön finde. Mein ästhetisches Schönheitsideal ist immer ein gesundes. Ein energiegeladener und beweglicher Körper, ein rosiges Gesicht und ein freudiges Lächeln lassen sich mit der Abnehmspritze nur bedingt erreichen. Die Behandlung sollte vielmehr den Impuls setzen für einen bewussteren und liebevolleren Umgang mit dem eigenen Körper.

TS: Die Behandlung mit GLP-1- oder G1P1/GIP Rezeptoragonisten, bald sind sie auch als effektiv Tabletten verfügbar, sollte Menschen gesünder machen – mager kann nicht das Ziel sein. Erst recht nicht, wenn die neuen Mager-Celebritys von unzähligen Heranwachsenden als Idealbilder herangezogen werden. Untergewicht bis hin zu Magersucht ist eine sehr ernstzunehmende Erkrankung!

Wie sieht es mit den bereits bekannten Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen bis hin zur Entzündung der Bauchspeicheldrüse aus?

TS: Mittlerweile können wir aus unseren Erfahrungen in der Praxis hier weitestgehende Entwarnung geben. Ja, es kann zu Phasen von Übelkeit und Erbrechen oder Kopfschmerzen kommen. Wir betreuen unsere PatientInnen aber sehr engmaschig und können durch individuell angepasste Dosierungen solche Symptome, die meist zum Beginn der Behandlung auftreten, gut beherrschen.

AS: Mir ist noch wichtig zu betonen, dass wir nie nur Diabetes, Übergewicht oder Fettleibigkeit behandeln. Vielmehr geht es uns darum, unsere Patienten auf dem Weg zu einem gesünderen Leben zu begleiten: Bewusste Ernährung, Bewegung und sportliche Betätigung im Alltag, Reflexion über ungesundes Verhalten, das oft schon seit der Kindheit eingeübt ist. Da unter der Behandlung der sogenannte „Food Noise“ wegfällt, erhalten unsere Patienten auch mehr Zeit, um ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und sich bewusst für neue Wege zu entscheiden.

TS: Ich selbst nutze diese Medikamente seit langem aus gesundheitlichen Gründen, kann also gut nachvollziehen, wie sich meine Patienten fühlen. Tatsächlich ist das Hungergefühl deutlich reduziert. Es ist wirklich verblüffend, denn das Hirn denkt den ganzen Tag über nicht an die Nahrungsaufnahme. Mein Bauch knurrt nicht und ich bin unempfänglicher für die täglichen Verlockungen bspw. aus Bäckereien. Das schenkt einem auch eine gewisse Freiheit, denn plötzlich hat man mehr Zeit, weil man nicht ständig an die nächste Mahlzeit denken muss. Das Essen schmeckt, aber man ist mit weniger zufrieden.

AS: Wenn Dir als gesundem, jetzt normalgewichtigen Mann solche Veränderungen auffallen, wie groß ist dann der Mehrwert für Menschen mit Gewichtsproblemen zu bemessen! Vor allem aber ist jedes abgenommene Kilo eine Investition in eine gesündere Zukunft. Das Thema Longevity boomt ja gerade – es geht aber nicht darum, später einmal in einem Pflegeheim möglichst lange zu vegetieren. Ich wünsche mir viel mehr, dass alle künftigen Generationen fit, gesund und selbstbestimmt bis ins hohe Alter ihr Leben genießen können.

www.hormonzentrum-muenchen.de