Wer in diesen Tagen den Frankfurter Ring entlangfährt, traut seinen Augen kaum: Dort, wo über mehr als ein Jahrhundert Maschinen Metall geformt haben, glitzert plötzlich Wasser. Segel- und Motorboote dümpeln am Ufer, Sand knirscht unter den Füßen, und über einem hölzernen Bootshaus mit DJ-Pult flimmert die Mailuft. Mitten im Münchner Norden, an einer Stelle, die viele bislang höchstens als Stau-Etappe wahrgenommen haben, hat die Marina Monaco eröffnet – Münchens erster Jachthafen, wenn man so will, auch wenn die Betreiber genau das nicht sein wollen.
Die Eröffnung war am Mittwoch, dem 20. Mai 2026, und der Auftakt hätte kaum besser laufen können: Pünktlich zum ersten Wochenende erwischte das neue Areal eine Reihe richtig warmer Sommertage. Wer am Sonntag vorbeischaute, fand bereits eine erstaunlich entspannte Mischung aus Feierabendvolk, Familien und neugierigen Schwabingern vor, die Drinks in der Hand und die Füße im Sand das Gefühl bekamen, irgendwo zwischen Adria und Côte d’Azur zu sitzen – nur eben mit Blick auf die Silhouette des Münchner Nordens.

Hinter dem Projekt stehen die Münchner Hammer AG als Grundstückseigentümerin und die Sylvenstein Event GmbH als Betreiberin der Zwischennutzung. Auf einem rund 5,6 Hektar großen ehemaligen Industriegelände am Frankfurter Ring 227, wo gut 120 Jahre lang produziert wurde, ist in wenigen Monaten eine künstliche Lagune entstanden, die in München bereits jetzt liebevoll „Schwabinger Meer“ getauft worden ist.
Aufgeschüttete Sandflächen, Strandstühle, Lounges, eine Open-Air-Bar und Boote, die nicht zum Ablegen, sondern zum Niederlassen gedacht sind – die Marina Monaco inszeniert Urlaubsstimmung dort, wo man sie am wenigsten vermutet. Wie Sylvenstein-Event-Geschäftsführer Jürgen Backof im Vorfeld erklärte, ist die Anlage auf rund fünf Jahre angelegt und soll jeweils von April bis Oktober geöffnet sein; für die Wintermonate sind kleinere Formate wie Märkte oder Eisstockschießen angedacht.

Die Marina ist aber nur der sichtbarste Vorbote eines weit größeren Vorhabens. Auf dem Gelände entsteht in den kommenden Jahren unter dem Namen „Neue Schmiede“ eines der ambitioniertesten neuen Stadtquartiere Münchens. Geplant ist ein produktives Stadtquartier, das Gewerbe, Produktion, Forschung, Büros, Hotellerie, Einzelhandel, Gastronomie sowie Kultur- und Freizeitangebote miteinander verzahnen soll – auf rund 160.000 Quadratmetern Geschossfläche, mit einem ungewöhnlichen Prinzip im Mittelpunkt: der vertikalen Stapelung von Funktionen.
Produktion im Erdgeschoss, Entwicklung und Büro darüber, Aufenthaltsqualität rundherum. Der Bebauungsplan soll im kommenden Jahr Rechtskraft erlangen, die Umsetzung ist in Bauabschnitten über mindestens sieben Jahre angesetzt. Bis dahin – und in Teilen sogar darüber hinaus – soll genau jene Zwischennutzung das Quartier mit Leben füllen, die jetzt mit der Marina ihren Anfang nimmt. Vorgesehen sind auf insgesamt 55.000 Quadratmetern Gastronomie und Eventflächen, dazu Live-Musik, Veranstaltungen und Sportangebote von Padel über Soccer und Bouldern bis Volleyball.
Parallel dazu treibt die Hammer AG ein paar Hundert Meter weiter am Frankfurter Ring 143 das Projekt „Vertical Garden“ voran, ein Gewerbebau mit begrünter Fassade, Dachgärten und Photovoltaik, dessen Erdgeschoss flexible Makerspace-Flächen für Prototyping und leichte Produktion aufnehmen soll. Das Objekt ist bereits zu 40 Prozent in den Obergeschossen vermietet, der Bau hat begonnen, die Fertigstellung ist für Anfang 2028 vorgesehen.
Beides – Quartier und Einzelgebäude – fügt sich in eine Entwicklung, die die Hammer-Familie unter dem Motto „Der Norden kommt“ zusammenfasst: Seit 1993 entwickelt sie Projekte rund um den Frankfurter Ring, vom BMW IT-Zentrum über den Gewerbepark FFR115 bis zum Connex. Mit den geplanten S-Bahn-Stationen BMW Fitz an der Knorrstraße und Europark direkt hinter der „Neuen Schmiede“, der Tram Nord und der Umwandlung des Euroindustrieparks in ein Wohnquartier deutet vieles darauf hin, dass der Münchner Norden seinen Status als Hinterland langsam abstreift.
Für den Moment aber ist die Marina Monaco vor allem eines: ein überraschend schöner Ort, um nach Feierabend ein kühles Getränk in der Hand zu halten, die Schuhe auszuziehen und festzustellen, dass München vielleicht doch näher am Meer liegt, als man bisher dachte. Wer das in diesem Sommer ausprobieren will, hat dafür rund ein halbes Jahr Zeit – und dann, wenn alles nach Plan läuft, vier weitere Saisons obendrauf.

