Am Münchner Viktualienmarkt steht in dieser Woche ein bemerkenswertes gastronomisches Jubiläum an. Im Wirtshaus „Der Pschorr“ wird in wenigen Tagen das 100.000. Holzfass Bier seit Bestehen des Lokals angezapft, ein Jubiläum, das es in dieser Form wohl nur in München geben kann. Aus diesem Anlass luden Wirt Jürgen Lochbihler und Hacker-Pschorr-Geschäftsführer Georg Schwende zu einer Pressekonferenz im Rahmen eines traditionellen Frühschoppens an den Viktualienmarkt 15 ein, um auf die Geschichte dieses Meilensteins und die Renaissance der klassischen Ausschankkultur zurückzublicken.
Bewusst verzichtete man dabei auf großen Bahnhof mit Blaskapelle und Politprominenz. Stattdessen wollte man, wie Lochbihler in seinen Begrüßungsworten betonte, einfach mit Weggefährten und Freunden des Hauses ein bisschen feiern. Neben Vertretern der Hacker-Pschorr-Brauerei, der Fassfabrik Schmid und der Münchner Schäffler zählten auch Vertreter von Banken zu den geladenen Ehrengästen des Frühschoppens.
Die Geschichte einer Vision
Wirt Jürgen Lochbihler schilderte in seiner Ansprache ausführlich die Entstehungsgeschichte des Konzepts, dessen Planung im Jahr 2003 begann. Geprägt von eigenen Jugenderfahrungen in der Gaststätte „Bratwurst Glöckl am Dom“ seinerzeit von Michi Beck, in der Hacker Edelhell traditionell aus stangeneisgekühlten Holzfässern serviert wurde, wollte Lochbihler das handwerklich gezapfte Bier zum Herzstück des neuen Lokals machen.
Jene alteingesessene Gaststätte seinerzeit von Michi Beck, in der Jürgen Lochbihler als junger Mann selbst das stangeneisgekühlte Fassbier kennen und schätzen gelernt hatte, gibt es in jener Form heute so nicht mehr. Umso mehr lag es Lochbihler am Herzen, die Erinnerung an dieses Handwerk in seinem eigenen Wirtshaus lebendig zu halten.
Am 1. September 2005 folgte schließlich die offizielle Eröffnungsfeier des Wirtshauses direkt neben dem Viktualienmarkt und der damals neu entstehenden Schrannenhalle, deren eigene Eröffnung nur wenige Tage später anstand. Zahlreiche prominente Gäste aus Gastronomie und Wirtschaft gaben sich damals die Ehre und wollten sich den Auftakt des neuen Wirtshauses nicht entgehen lassen. Unter den Gästen waren seinerzeit Bürgermeisterin Dr. Gertraud Burkert, die eine Ansprache hielt, so gut wie alle Wiesnwirte sowie die Brauereichefs von Hacker-Pschorr, Paulaner, Löwenbräu und Hofbräu. Schon zur Eröffnung umfassten die Räumlichkeiten im Erdgeschoss inklusive Galerie und Balkon 340 Sitzplätze, ergänzt um den Theresiensaal im ersten Obergeschoss mit Platz für 200 Personen und ein Gewölbe im Keller mit 60 Sitzplätzen für urige Veranstaltungen.
In der damaligen Brauereilandschaft stieß Lochbihlers Vorhaben zunächst auf erhebliche Skepsis, da die Branche seinerzeit verstärkt auf computergesteuerte Schankanlagen setzte und der Beruf des Schankkellners als aussterbend galt. Bei der Planung des Pschorr um das Jahr 2003 herum war bei der Brauerei sogar eher von einer Zukunft mit Schankautomaten die Rede, bei denen die Servicekräfte selbst zapfen.

Das Bier wird noch von Schankkellnern vom Faß ausgeschenkt: das 100.000ste Faß Hacker Pschorr feiert DER PSCHORR am Viktualienmarkt (©Foto: Ingrid Grossmann)
Lochbihler hielt dennoch an seiner Vision fest, Bier als emotionales und unverfälschtes Handwerksprodukt zu präsentieren, und setzte konsequent auf das traditionelle Zapfen aus dem Holzfass an einer schlichten Schanktheke im Zentrum des Lokals. Mit der Eröffnung leitete das Wirtshaus eine nachhaltige Renaissance des Holzfassbieres in der Münchner Wirtshauskultur ein, einen Trend, den Lochbihler heute mit einem gewissen Stolz für sich in Anspruch nimmt.
In den seither vergangenen gut zwei Jahrzehnten wurden im Lokal insgesamt rund 3,5 Millionen Liter Bier aus traditionellen Holzfässern ausgeschenkt, bei einem Durchschnitt von etwa 130 angezapften Fässern pro Woche. Für Lochbihler ist das 100.000-Fass-Jubiläum nach dem 20-jährigen Bestehen im vergangenen Jahr bereits der nächste besondere Anlass zum Feiern.
Handwerk, das selten geworden ist
Zu den geladenen Gästen des Termins zählten unter anderem Vertreter des Münchner Schäfflervereins, die den handwerklichen Fassmachertanz pflegen, sowie der Seniorchef der Fassmacherei Schmid, Willi Schmid. Dessen Großvater gründete das Familienunternehmen bereits im Jahr 1914, Willi Schmid selbst kümmert sich seit 51 Jahren um Holzfässer für ganz Bayern und beliefert in München unter anderem Augustiner und Hacker-Pschorr.
Mit der Einführung der Keg-Fässer in den 1990er-Jahren ist das traditionelle Handwerk aus der Mode gekommen, weshalb die Fassfabrik Schmid inzwischen nur noch wenige neue Schäffler pro Jahr ausbildet. Die Mitarbeiter der Fassfabrik waren am Nachmittag im Rahmen eines Betriebsausflugs ebenfalls im Wirtshaus zu Gast und durften mit den Kollegen aus der Brauerei sowie dem Wirtshausteam feiern.

Der Seniorchef der Fassmacherei Schmid, Willi Schmid war auch zu Gast: das 100.000ste Faß Hacker Pschorr feiert DER PSCHORR am Viktualienmarkt (©Foto: Ingrid Grossmann)
Auch beim Münchner Schäffler-Verein selbst ist das traditionelle Fassmacher-Handwerk längst keine Voraussetzung mehr für die Mitgliedschaft, da gelernte Schäffler eine Seltenheit geworden sind. Die Berufspalette der Tänzerinnen und Tänzer reicht heute vom Schnapsbrenner bis zum Opernsänger.
Immerhin hat der Fähnrich des Vereins beruflich mit Bier zu tun, er arbeitet als Lademeister bei der Brauerei Augustiner. Getanzt wird der Fassmachertanz der Tradition nach seit der Pestepidemie im 17. Jahrhundert, als die Schäffler mit ihrem Tanz durch die Straßen zogen, um den geschundenen Münchnern nach der Seuche wieder Mut zuzusprechen.

Ein schönes Bild für die Wand von DER PSCHORR von Hacker-Pschorr-Geschäftsführer Georg Schwende : das 100.000ste Faß Hacker Pschorr feiert DER PSCHORR am Viktualienmarkt (©Foto: Ingrid Grossmann)
Eine Partnerschaft mit Zahlen unterlegt
Hacker-Pschorr-Geschäftsführer Georg Schwende hob in seiner Rede die Kontinuität und Verlässlichkeit der über zwanzigjährigen Partnerschaft zwischen der Brauerei und der Wirtsfamilie Lochbihler hervor. Das Erreichen der Marke von 100.000 Fässern sei auch für die Brauerei ein außergewöhnliches Ereignis und ein Beleg dafür, wie eng beide Seiten über die Jahre zusammengearbeitet haben.
Um die Dimension dieser Zahl anschaulich zu machen, präsentierte Schwende eine statistische Einordnung, die bei den Gästen für Erstaunen sorgte: Legt man für jeden Anstich einen Arbeitsaufwand von rund 30 Sekunden zugrunde, summierte sich die reine Zapfzeit im Lokal bislang auf über 833 Arbeitsstunden. Das entspricht einem ununterbrochenen Anzapfen von fast 35 Tagen rund um die Uhr, ohne Pause und ohne Unterbrechung.
Bei einem routinierten Schnitt von zwei bis drei Schlägen pro Fass wurden im „Pschorr“ über die Jahre hinweg schätzungsweise zwischen 200.000 und 300.000 Schläge mit dem Anschläger ausgeführt, eine Zahl, die die Dimension des Handwerks hinter der scheinbar einfachen Geste des Bieranstichs deutlich macht.

Das Bier wird noch von Schankkellnern vom Faß ausgeschenkt: das 100.000ste Faß Hacker Pschorr feiert DER PSCHORR am Viktualienmarkt (©Foto: Martin Schmitz)
Der große Tag und ein Angebot für Stammgäste
Der offizielle Anstich des eigentlichen 100.000. Jubiläumsfasses wird am kommenden Donnerstag 27.08.2026 im Lokal gefeiert. Passend zum Jubiläum kündigte Jürgen Lochbihler zudem neue Jubiläumsgutscheine an, mit denen Stammgäste von der langen Geschichte des Hauses profitieren können: Wer diese für 100, 200 oder 500 Euro erwirbt, kann im Januar und Februar 2027 zum halben Preis im „Pschorr“ speisen und trinken.
Für Lochbihler und sein Team sei es eine Möglichkeit, die Verbundenheit mit den treuen Gästen des Hauses zu würdigen, die über die Jahre zum Erfolg der Wirtshauskonzepts am Viktualienmarkt beigetragen haben.

