Wenn der Bauch das Sagen übernimmt – Was Bauchgefühl, Bauchfett und Hormone mit dem Gewicht zu tun haben

„Ich habe meinen Bauch gefragt, was er braucht. Er meinte: Schokolade.“ Der Spruch ist lustig – und enthält mehr Wahrheit, als man zunächst vermuten würde. Denn Essverhalten ist keineswegs nur eine Frage von Vernunft und Willenskraft. Gehirn, Darm, Fettgewebe und Hormone kommunizieren ständig miteinander und beeinflussen Hunger, Sättigung und Energieverbrauch.

Besonders das Fett tief im Bauchraum spielt dabei eine wichtige Rolle. Dieses sogenannte viszerale Fett ist kein passiver Energiespeicher, sondern biologisch hochaktiv. Warum zu viel davon gesundheitlich problematisch werden kann, weshalb Abnehmen häufig schwieriger ist als gedacht und was hinter dem viel zitierten „Hormonbauch“ in den Wechseljahren steckt, erklären die Endokrinologen Dr. Alexandra Schoeneich und PD Dr. Thorsten Siegmund vom Hormonzentrum München, der Privatpraxis am Isar Klinikum.

Endokrinologen beschäftigen sich mit Hormonen. Warum sind Sie die richtigen Ansprechpartner, wenn es um Bauchfett geht? Wäre für Menschen mit Übergewicht nicht das Fitnessstudio die naheliegendere Adresse?

Dr. Schoeneich: Bewegung ist natürlich ein wichtiger Teil der Behandlung. Aber zunächst müssen wir unterscheiden, über welches Fett wir überhaupt sprechen. Das Fett, das wir am Bauch greifen können – die berühmten „Rettungsringe“ – liegt überwiegend unter der Haut. Medizinisch besonders interessant ist aber das viszerale Fett. Es befindet sich tiefer im Bauchraum und umgibt die inneren Organe. Von außen kann man nicht exakt erkennen, wie viel davon vorhanden ist. Ein zunehmender Bauchumfang kann allerdings ein Hinweis darauf sein.

PD Dr. Siegmund: Und genau dieses viszerale Fett ist biologisch ausgesprochen aktiv. Fettgewebe wurde früher vor allem als Energiespeicher betrachtet. Heute wissen wir: Es ist ein regelrechtes endokrines Organ. Es produziert zahlreiche Botenstoffe und steht in ständigem Austausch mit Gehirn, Leber, Muskulatur, Gefäßen und Immunsystem. Noch spannender ist die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn. Nach einer Mahlzeit setzt der Darm Hormone wie GLP-1 und GIP frei. Sie signalisieren unter anderem, dass Nahrung angekommen ist und der Stoffwechsel darauf reagieren muss. GLP-1 trägt außerdem dazu bei, die Nahrungsaufnahme zu begrenzen und Sättigung zu fördern.

Bei Adipositas kann dieses fein abgestimmte Netzwerk aus Hunger, Sättigung, Belohnung und Energieverbrauch aus dem Gleichgewicht geraten. Der Körper verteidigt ein einmal erreichtes höheres Gewicht dann oft erstaunlich hartnäckig. Wer versucht abzunehmen, bekommt häufig mehr Hunger, während der Körper gleichzeitig seinen Energieverbrauch reduziert. Gewichtskontrolle ist nicht einfach eine Frage von Disziplin. Hunger ist ein biologisches Signal. Wer ständig gegen dieses Signal ankämpfen muss, hat es ungleich schwerer, dauerhaft weniger zu essen.

Mal von ästhetischen Fragen abgesehen: Warum sollte man sein Bauchfett überhaupt im Blick haben? Darf es nicht einfach dicke und dünne Menschen geben – genauso wie große und kleine oder blonde und dunkelhaarige?

PD Dr. Siegmund: Selbstverständlich. Unterschiedliche Körperformen gehören zum Menschen, und Medizin darf nicht zum Schönheitswettbewerb werden. Uns interessiert nicht, ob jemand einer bestimmten Kleidergröße entspricht. Uns interessiert, ob überschüssiges Fettgewebe krank macht.

Viszerales Fett kann entzündliche Botenstoffe freisetzen und unter anderem die Insulinwirkung beeinträchtigen. Dadurch steigt das Risiko für Typ-2-Diabetes, eine Fettleber und Fettstoffwechselstörungen. Häufig kommen Bluthochdruck und langfristig ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hinzu. Das Entscheidende ist deshalb nicht nur: Wie viel wiegt ein Mensch? Sondern auch: Wo sitzt das Fett – und was macht es mit seinem Körper?

Dr. Schoeneich: Und genau deshalb möchten wir weg von der Vorstellung: „Du musst dich einfach zusammenreißen.“ Adipositas ist bei vielen Menschen eine chronische Erkrankung mit genetischen, hormonellen, neurobiologischen, psychologischen und gesellschaftlichen Einflussfaktoren. Das bedeutet nicht, dass Ernährung und Bewegung unwichtig wären – ganz im Gegenteil. Aber zwei Menschen können unter sehr ähnlichen Bedingungen völlig unterschiedlich auf Nahrung reagieren oder unterschiedlich leicht Gewicht zunehmen. Wer das versteht, versteht auch, warum Schuldzuweisungen bei Adipositas medizinisch fehl am Platz sind.

Ab wann beginnt eigentlich Übergewicht? Und ist der klassische Bierbauch am Ende gar kein Bierbauch, sondern schlicht ein Kalorienproblem?

Dr. Schoeneich: Ganz unschuldig ist das Bier jedenfalls nicht. Alkohol liefert mit sieben Kilokalorien pro Gramm fast so viel Energie wie Fett. Dazu kommen beim Bier die Kohlenhydrate. Flüssige Kalorien haben außerdem einen besonderen Nachteil: Sie werden leicht zusätzlich aufgenommen, ohne im gleichen Maße zu sättigen. Das gilt nicht nur für Bier. Softdrinks, Säfte, manche Kaffeespezialitäten und natürlich auch Wein können überraschend viele Kalorien liefern.

Wer täglich nur etwas mehr Energie aufnimmt, als er verbraucht, kann über Monate und Jahre relevante Fettreserven aufbauen. Dahinter steckt letztlich ein uraltes Erfolgsmodell der Evolution: Unser Organismus ist hervorragend darin, Energie zu speichern. Über Jahrtausende war das ein Überlebensvorteil. Heute trifft diese Biologie auf eine Welt, in der energiereiche Nahrung praktisch rund um die Uhr verfügbar ist.

PD Dr. Siegmund: Als erste Orientierung dient weiterhin der Body-Mass-Index, kurz BMI. Ab 25 kg/m² sprechen wir definitionsgemäß von Übergewicht, ab 30 kg/m² von Adipositas. Aber der BMI erzählt eben nicht die ganze Geschichte. Ein sehr muskulöser Mensch kann einen hohen BMI und wenig Körperfett haben. Umgekehrt kann jemand mit relativ unauffälligem BMI bereits ungünstig viel viszerales Fett besitzen.

Deshalb schauen wir zusätzlich auf den Bauchumfang, die Körperzusammensetzung und vor allem auf Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Schlafapnoe oder eine Fettleber. Und natürlich gilt am Ende ein physikalisches Grundprinzip: Um Körperfett abzubauen, muss über längere Zeit weniger Energie aufgenommen als verbraucht werden. Aber wie hungrig wir bei diesem Kaloriendefizit werden und wie stark der Körper dagegen steuert, ist Biologie – nicht Charakterstärke.

Wie sieht denn nun gesunde Ernährung aus? Gibt es eine einfache Formel für das, was auf den Teller kommen soll?

Dr. Schoeneich: Die eine perfekte Diät gibt es nicht. Aber einige Prinzipien funktionieren erstaunlich zuverlässig: viel Gemüse und Salat, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, ausreichend Eiweiß und möglichst wenig stark verarbeitete Lebensmittel. Obst gehört selbstverständlich ebenfalls zu einer gesunden Ernährung. Zuckerhaltige Getränke und größere Mengen Alkohol sollten dagegen eher die Ausnahme bleiben.

Entscheidend ist eine Ernährungsweise, die man nicht nur drei Wochen, sondern möglichst ein Leben lang durchhalten kann. Radikale Diäten scheitern häufig genau daran. Und noch etwas wird unterschätzt: Schlaf. Wer chronisch zu wenig schläft, hat häufig mehr Hunger und greift eher zu energiereichen Lebensmitteln. Schlafmangel beeinflusst außerdem die Insulinsensitivität und verschiedene Systeme der Appetitregulation. Eine gute Adipositastherapie beginnt deshalb nicht nur auf dem Teller.

PD Dr. Siegmund: Ich würde gerne noch das Eiweiß und die Muskelmasse hervorheben. Gerade beim Abnehmen möchten wir möglichst Fett verlieren und Muskulatur erhalten. Deshalb gehören eine ausreichende Proteinversorgung und regelmäßige körperliche Aktivität – insbesondere Krafttraining – zu einem guten Konzept. In der Ernährungsberatung erleben wir außerdem häufig, dass gar keine Revolution notwendig ist.

Manchmal sind es fünf oder sechs Gewohnheiten, die den größten Unterschied machen: Getränke, Portionsgrößen, Alkohol, Snacks am Abend, zu wenig Eiweiß oder zu viele stark verarbeitete Lebensmittel. Selbst zu kochen ist dabei ein großer Vorteil. Man weiß, was im Essen steckt – und gesundes Essen muss keineswegs nach Verzicht schmecken.

In Social Media ist immer wieder vom „Hormonbauch“ bei Frauen in den Wechseljahren die Rede. Gibt es ihn wirklich?

PD Dr. Siegmund: Der Begriff „Hormonbauch“ ist kein medizinischer Fachbegriff. Aber hinter ihm steckt eine reale Beobachtung. Mit der Menopause sinkt die Östrogenproduktion deutlich. Damit verbunden verändert sich die Verteilung des Körperfetts. Viele Frauen speichern nun relativ mehr Fett im Bauchraum und weniger im Bereich von Hüften und Oberschenkeln.

Das kann sogar passieren, ohne dass sich das Körpergewicht dramatisch verändert. Hinzu kommt das Älterwerden selbst: Die Muskelmasse nimmt leichter ab, der Energiebedarf sinkt und körperliche Aktivität verändert sich häufig. Eine Frau kann deshalb mit 55 Jahren nicht automatisch genauso essen und leben wie mit 35 und erwarten, dass ihr Körper identisch reagiert.

Dr. Schoeneich: Wichtig ist mir aber: Die Wechseljahre bedeuten nicht automatisch Gewichtszunahme – und schon gar nicht, dass Frauen ihrem Bauch hilflos ausgeliefert wären. Gerade in dieser Lebensphase sind Krafttraining, ausreichend Protein, eine gute Schlafqualität und eine angepasste Energiezufuhr besonders sinnvoll.

Eine Hormonersatztherapie kann bei geeigneten Frauen eine sehr wirksame Behandlung von Wechseljahresbeschwerden sein – etwa bei Hitzewallungen, Schlafstörungen oder anderen ausgeprägten Symptomen. Sie sollte individuell nach Nutzen und möglichen Risiken entschieden werden. Eine Hormonersatztherapie ist aber keine Abnehmtherapie. Das ist eine wichtige Unterscheidung.

Wie sieht eine medizinische Therapie aus, wenn Bauchfett und Übergewicht bereits gesundheitliche Folgen haben?

Dr. Schoeneich: Zunächst suchen wir nicht nach der einen Standardlösung, sondern nach den Ursachen und Folgen. Wir schauen uns Gewichtsentwicklung, Fettverteilung, Ernährung, Bewegung und Schlaf an. Gleichzeitig prüfen wir Blutdruck, Zucker- und Fettstoffwechsel und je nach Situation beispielsweise Leberwerte und schließen – ganz wichtig – mögliche hormonelle Erkrankungen aus. Dann wird gemeinsam entschieden, welche Therapie sinnvoll ist. Das kann Ernährungsmedizin und Bewegungstherapie umfassen, psychologische oder verhaltenstherapeutische Unterstützung und – wenn die Voraussetzungen erfüllt sind – auch Medikamente. Bei schwerer Adipositas kann auch eine bariatrische beziehungsweise metabolische Operation eine Option sein.

PD Dr. Siegmund: Gerade bei der medikamentösen Therapie hat sich in den vergangenen Jahren enorm viel verändert. Und hier schließt sich der Kreis zu den Hormonen, über die wir am Anfang gesprochen haben. Mit modernen Medikamenten können wir heute gezielt natürliche Signale der Darm-Hirn-Achse verstärken. GLP-1-Rezeptoragonisten ahmen beispielsweise die Wirkung des körpereigenen Darmhormons GLP-1 nach. Neuere Wirkstoffe kombinieren mehrere Signalwege, etwa GLP-1 und GIP. Dadurch werden Hunger und Nahrungsaufnahme reduziert und die Sättigung verstärkt. Viele Patienten beschreiben den Effekt sehr anschaulich: Der ständige Gedanke ans Essen, heute gerne als „Food Noise“ bezeichnet, wird plötzlich deutlich leiser. Genau daran erkennt man, wie stark unser Essverhalten biologisch gesteuert wird. Das ist ein Paradigmenwechsel in der Adipositasmedizin. Früher haben wir Menschen mit Adipositas vor allem gesagt: Iss weniger. Heute verstehen wir zunehmend, warum das so schwer ist – und können genau jene biologischen Signale beeinflussen, die Hunger und Sättigung steuern. Diese Medikamente sind allerdings keine Lifestyle-Produkte und kein Ersatz für eine gesunde Ernährung und Bewegung. Sie gehören, wenn sie medizinisch angezeigt sind, in ein langfristiges Behandlungskonzept. Und die Entwicklung geht weiter: In klinischen Studien werden bereits Wirkstoffe untersucht, die neben GLP-1 und GIP weitere hormonelle Signalwege einbeziehen, beispielsweise Glukagon. Das Ziel der Forschung ist dabei nicht einfach, den Appetit möglichst stark zu unterdrücken. Es geht darum, die Regulation von Nahrungsaufnahme, Energieverbrauch und Stoffwechsel gezielt zu beeinflussen.

Heißt das am Ende: Übergewicht ist Schicksal – oder können wir unseren Bauch doch beeinflussen?

Dr. Schoeneich: Schicksal ganz sicher nicht. Ernährung, Bewegung, Schlaf und unsere täglichen Gewohnheiten haben einen erheblichen Einfluss. Aber die Voraussetzungen sind eben nicht bei jedem Menschen gleich. Das ist überhaupt ein wichtiges medizinisches Ziel: Wir möchten die Scham, die Stigmatisierung überwinden, die noch immer mit Adipositas verbunden ist. Menschen mit Adipositas dürfen medizinische Hilfe in Anspruch nehmen – genauso wie Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes oder einer anderen chronischen Erkrankung.

PD Dr. Siegmund: Genau. Niemand würde einem Patienten mit Bluthochdruck sagen: „Reiß dich einfach zusammen und senke deinen Blutdruck.“ Bei Übergewicht haben wir gesellschaftlich viel zu lange so argumentiert. Die moderne Forschung zeigt uns, dass Körpergewicht aus einem komplexen Zusammenspiel von Genetik, Gehirn, Darm, Hormonen, Fettgewebe, Umwelt und Verhalten entsteht. Das nimmt dem Einzelnen nicht jede Verantwortung – aber es verändert unseren Blick auf die Erkrankung.

Dr. Schoeneich: Das berühmte Bauchgefühl ist also in vielen Lebenssituationen ein guter Ratgeber. Bei ausgeprägtem Übergewicht allerdings lohnt es sich manchmal, nicht nur auf den Bauch zu hören – sondern auch darauf, was Stoffwechsel, Hormone und Medizin dazu zu sagen haben.

Weitere Informationen zur Privatpraxis am Isar Klinikum: www.hormonzentrum-muenchen.de

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