Ein Viertel aller Erwachsenen und jedes sechste Kind in Deutschland leiden an starkem Übergewicht. Seit 2021 haben die Wirkstoffe Semaglutid, Tirzepatid und Liraglutid die Behandlung von Adipositas und Diabetes Typ 2 grundlegend verändert. Für die Endokrinologen Dr. Alexandra Schoeneich und PD Dr. Thorsten Siegmund vom Hormonzentrum München markieren diese Medikamente einen Wendepunkt in der Medizin. Mit dem September 2026 kommt nun ein weiterer Schritt hinzu: Semaglutid ist in Deutschland erstmals auch als Tablette erhältlich.

Seit 1. September in deutschen Apotheken

Zum 1. September 2026 hat der Hersteller Novo Nordisk die Tablettenform seines Präparats Wegovy in Deutschland auf den Markt gebracht, nachdem die EU-Zulassung bereits im Juli erteilt worden war. Damit gibt es erstmals eine orale Therapie zur Gewichtsreduktion beziehungsweise zur effektiven Blutzucker-Kontrolle. Das Medikament bleibt verschreibungspflichtig, eine ärztliche Verordnung ist also Voraussetzung.

Die Kosten für die Gewichtsregulierung werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht übernommen, Patientinnen und Patienten tragen sie als Selbstzahler.

Vor allem für Menschen, die sich vor Spritzen fürchten oder Schwierigkeiten haben, sich selbst eine Injektion zu setzen, verspricht die neue Darreichungsform eine große Erleichterung. PD Dr. Thorsten Siegmund erklärt: „Sehr wahrscheinlich werden wir noch mehr Menschen mit dieser neuen Therapie-Option erreichen können, da allein die Vorstellung von einer Spritze für viele Menschen eine Hürde darstellt, die es dann nicht mehr gibt.“

Dr. Alexandra Schoeneich und PD Dr. Thorsten Siegmund vom Hormonzentrum München (©Foto: Hormonzentrum München, FRANK PREKRATIC)

Dr. Alexandra Schoeneich und PD Dr. Thorsten Siegmund vom Hormonzentrum München (©Foto: Hormonzentrum München, FRANK PREKRATIC)

Gleicher Wirkstoff, andere Wahrnehmung

Dr. Alexandra Schoeneich ergänzt: „Wirkstoff und somit Wirksamkeit sind vergleichbar bei Pille und Spritze. Wir rechnen auch mit den gleichen möglichen Nebenwirkungen, die sich aber in der Regel durch Anpassungen in der Dosierung gut kontrollieren lassen. Entscheidend kann aber ein psychologischer Effekt sein: Spritze fühlt sich nach Krankheit an, Pille wird vielleicht eher mit Dragee assoziiert, obwohl der Wirkstoff derselbe ist.

Die Tablette wurde so konzipiert, dass im Körper eine vergleichbare Menge Wirkstoff ankommt wie bei der Spritze, obwohl ein Teil davon durch Magensäure und Enzyme im Darm aufgespalten wird. Aus diesem Grund ist die exakte Einnahme so wichtig: täglich, nüchtern, morgens und mit wenig Wasser mindestens 30 Minuten vor dem Frühstück oder dem ersten Kaffee beziehungsweise Tee. Nur so lässt sich die Verfügbarkeit des Wirkstoffs garantieren.

Die Abnehmspille Wegovy ist seit 1. September in Tablettenform erhältlich (©Foto: Ole-Adobe-Stock

Die Abnehmspille Wegovy ist seit 1. September in Tablettenform erhältlich (©Foto: Ole-Adobe-Stock)

Tägliche Einnahme erfordert Disziplin

Genau hier sieht Dr. Schoeneich den Unterschied zur wöchentlichen Injektion: „Aus medizinischer Sicht ist die wöchentliche Spritze komfortabler. Patienten müssen nur einmal die Woche an das Medikament denken und profitieren dennoch die ganze Woche. Bei der Pillenform ist sehr viel mehr Compliance der Patientinnen und Patienten gefordert: Hier ist die strikt regelmäßige Einnahme entscheidend.“

Wie Semaglutid im Körper wirkt

Semaglutid ahmt ein Darmhormon nach, das Hunger und Appetit dämpft und gleichzeitig die Sättigung verstärkt. Essen schmeckt weiterhin gut und kann sinnlich genossen werden, man ist nur mit deutlich weniger Nahrung zufrieden. So stehen „Food-Noise“ und Hungergefühl dem Vorsatz, abzunehmen oder auf Süßes zu verzichten, nicht länger im Weg.

Viele unserer Patienten sind glücklich, dass sie im Schnitt zwischen 10 und 15 Prozent ihres Körpergewichts mit medikamentöser Hilfe abnehmen können. Uns als Ärzten ist es aber wichtig, jede Behandlung mit einer professionellen Ernährungsberatung und regelmäßigen Kontrollen zu begleiten. Es geht ja nicht darum, von Kleidergröße XXXL auf XS zu kommen, sondern wieder ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper zu entwickeln. Jedes verlorene Kilo hilft dabei, beispielsweise orthopädische Probleme in den Griff zu bekommen oder das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich zu verringern“, ist sich Dr. Siegmund sicher.

Keine Lifestyle-Pille aus der Apotheke

Mögliche vorübergehende Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall, Verstopfung oder Erbrechen nehmen die beiden Ärzte sehr ernst. „Anders als dies der Blick in viele Promi-Magazine suggeriert, sind diese Medikamente keine Lifestyle-Pillen, die man sich in der Apotheke wie beispielsweise Multivitaminpräparate besorgt“, bekräftigt Dr. Schoeneich. „Wir schauen uns jede Patientin, jeden Patienten sehr genau an und behandeln immer individuell. Jede Behandlung sollte in erster Linie sicher sein und dem Wohl der Patienten dienen. Auch eine Minderversorgung mit wichtigen Nährstoffen gilt es zu vermeiden.“

Dr. Siegmund räumt mit einem weiteren Missverständnis auf: „Auch die Pille ist nicht dazu gedacht, den Body schnell in Shape zu bringen. Eine Behandlung sollte immer medizinisch indiziert und vor allem ganzheitlich und langfristig angelegt sein.“

Ausblick: Viele weitere Präparate in Entwicklung

Die intensive Forschung auf diesem Gebiet legt nahe, dass die neue Abnehm-Pille lediglich ein erstes Präparat sein wird, dem künftig noch viele weitere hochspezialisierte Medikamente folgen. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller spricht von bis zu 70 neuen Medikamenten, teilweise mit neuen Wirkprinzipien, die in den nächsten Jahren auf den Markt kommen sollen. „Für unsere leidgeprüften Patienten ist das eine gute Nachricht. Man kann sich als normalgewichtiger Mensch nicht vorstellen, wie hoch der Leidensdruck von Betroffenen ist“, sagt Dr. Schoeneich. „Diese individuelle Last zu verringern, sollte oberste Priorität haben.“

Hormonzentrum München

Das Hormonzentrum München ist eine endokrinologische Praxis, in der Dr. Alexandra Schoeneich und PD Dr. Thorsten Siegmund unter anderem Menschen mit starkem Übergewicht und Diabetes Typ 2 behandeln.

Weitere Informationen gibt es unter www.hormonzentrum-muenchen.de.

Hormonzentrum München

Isarklinikum, Praxis im Ärztehaus
Hauptgebäude im Bürkleinbau,
Haupteingang, 2.OG
Sonnenstr. 26
80331 München